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ENZO MASTRANGELO am 29.01.2022 aus Sapri/Italien: Gestern habe ich erfahren, dass es in diesem Land keine Frank-Kirk Ehm-Marks gibt. Heute habe ich ihm eine musikalische Erinnerung gewidmet:

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DIETMAR KIRVES am 29.01.2022 aus Berlin: Die Zeit dreht sich immer schneller, so empfinden es sehr viele Menschen in der Gegenwart. Umso schneller geht im täglichen Getriebe alles wieder seinen Gang, als ob der Tod gar kein Anlass wäre, auch einmal inne zu halten. Jede künstlerische Arbeit lebt nicht vom Verdienst alleine, sondern von dem Menschen, der hinter dieser Arbeit steht und für diese Arbeit einsteht. In diesem Sinne bleibt ein Teil der Lebensleistung von Frank immer auch ein Teil unserer NO!art-Bewegung. Im Report der Geschichte der NO!art hat auch er seinen Platz, auch er gehört dazu!

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MATT GRAU am 30.01.2022 aus Berlin: Lieber Dietmar, das Jahr 2022 hat Frank von uns genommen. Am 26. Januar hat er sein turbulentes Leben vollendet. 2 Tage vor seinem 61. Geburtstag im Urbankrankenhaus. Ende März wird voraussichtlich die Beisetzung sein. Alter St. Matthäus Friedhof, bei den Gebrüdern Grimm, Rio Reiser und weiteren Helden... soll es wohl sein.

matt grau und frank ehm-marks
Matt Grau und Frank Ehm-Marks

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LST am 1.02.2022 aus Schweden: Widmung an meinen Freund Frank Kirk Ehm Marks. "So meine Liebe,  jetzt ist Feierabend.  Zander oder Hecht, natürlich selbst gefangen. Danke mein Herr, und einen Kaffee schwarz für meine Beste! Der Krieg ist vorbei und alle sind Tod. Wieviel kostet dieses Bild? Danke, das hebe ich mir auf, für später. Sie sind ein rückgratloses Tier, wissen Sie das? Meine Freunde würde ich in der Roten Rose finden. Na dann, ab in die Badewanne. Wenn du artig bist spiele ich mit Dir. Anfassen verboten.  Fünf Bilder gegen eins von Dir und dreißig Minuten kuscheln. Kritze-kratze, fertig. Darf ich jetzt deinen Penis anfassen? Ok, ein letztes Mal mein liebster Frank und dann geht es ab in die Heia....Gute Nacht."

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TRAUERREDE von MATT GRAU
Liebe Susanne, liebe Angehörige, liebe Trauernde

Ich blicke zurück auf ein viertel Jahrhundert stetig gewachsene Freundschaft. Vor allem gewachsen aus gemeinsamer Bewunderung und Wertschätzung der künstlerischen Aktionen.

Ich erinnere, wie Frank und Du, Susanne, ca. 1997 bei uns im Leuschnerdamm zu Café und Kuchen ward. Dort lebten wir auch vor der Wiedervereinigung Berlins. Aus der Haustür heraus gegangen stand man sofort vor der Mauer. Frank wuchs ja im geteilten Staaken, quasi auch mit der Mauer auf. Diese und auch andere Mauern einzureißen, besser noch durch sie hindurch zu rennen oder gar zu schweben - ja, schier verfangen im Hang Unmögliches zu ermöglichen - dies verband Frank und mich sehr. Punk und Anarchie mit inbegriffen.

Mein Interesse und die Faszination zu den Art Brut Künsten von Jean Dubuffet und die von Leo Navratil geprägte und geförderte Zustandsgebundene Kunst (mit Künstlern wie August Walla und Johann Hause), entwickelte sich daher auch zu endart, Klaus Theuerkauf und auch zu Frank-Kirk Ehm-Marks.

Kunstschaffenden, die ihren so eigenen Weg konsequent weiter gehen und die damit die Kunst als solche fortdauernd weiter voran treiben, gilt meine höchste Wertschätzung, Achtung und Anerkennung. - Kunst, die nur von diesen Künstlern geschaffen wird. Geschaffen werden kann. In der Fülle mit Wiedererkennungseffekt, da diese Kunst nur eben von diesen Künstlern geschaffen werden kann und zu zu ordnen ist. So einer war Frank!

Einzigartig auch seine Schriften. Geprägt von eigenen Erlebnissen, Empfindungen und Wahrnehmungen, zumeist in lyrischer Art verfasst, als wären sie das Gerüst eines brachialen Rock Songs; wie dieses

Zwischenfall

Gedichte ohne Überschrift
rufen mir nach:
Ich habe keine Heimat
Keinen Gott
Zeige denen da den Finger
Bin auf Sucht

Aus dem Schwarzbuch Kreuzberg

Ja, ja, ja, ja, ja,
nee,nee, nee, nee, nee

Die Sucht. Die Sehnsucht. Nach Rausch. Kreuzkonsum. Polytoxische Highlights! Auch der Drang nach Rausch, Rauschgifte, Alkohol so wie so, verband uns. Ohne Zweifel. Die stets angestrebte Überdosis - Noch breiter und noch Weiter. Wie die Extrabreiten schon erkannten und sangen: Meine Heimat ist das mehr!

Immer wiederkehrende Zwischen- und Rückfälle bestimmten Franks Zeiten und dehnten sich um die 2010er Jahre von kurzen Intervallen in ein stetiges Auf und Nieder mit dem anwachsenden Druck auf einen Druck. Und doch schaffte es Frank abermals Alkohol- und Drogenkonsum hinter sich zu lassen.

Anfang 2011 ging ich durch den sogenannten Wrangelkiez und sagte zu mir: ' Was ist das für ein Theater geworden. Kreuzberger Kasperletheater! Die Kasperlepuppen aus meinen Kindheitstagen gab es noch und ich erweitere gleich das Einzugsgebiet bis nach Nordneukölln und meldete eine Kreuzberger Kasperletheater Veranstaltung in Tim Pernizsch seinem Freischneider Aktionsatelier zu 48 Stunden Neukölln an. So hatte ich mir den Druck höher gesetzt, um auch die Idee in die Tat umzusetzen. Ganz allein wollte ich nicht sein. Und doch: Ohne dazu aufgerufen zu haben, casteten sich erste Hellhörige!

Ich wehrte alle entschieden ab. Denn es konnte nur einen geben - Frank! Mit mir. Welch ein Gespann! Frank angelte für sich auch gleich den Kasper! Es gab ja noch genügend Puppen, die mit Plüschtieren, Polizeiautos, Plakaten, Atze Nowwhereman, dem Zenaffen und vielfachen Accessoires erweitert wurden. Das wichtigste Detail - Klobürsten, um Tannenzäpfle, ja, grundsätzlich alles an unnützem Neuberlinerischen hemmungslos und unerwartet zu verkloppen. Zack! Gentrifuck! Sozusagen.

Sensationell war auch unser Ausflug nach Lerz. Bei dem auf dem Fusion Gelände stattfindenden Theaterkunst Festival at.tension traten wir in der Räuberhöhle auf. Besonders auffallend war, dass nach und nach Eltern ihre Kinder von der Kasperlebühne weg lotsten! Der tatkräftige Gebrauch der Klobürsten zum Verkloppen der Polizisten Puppe schien sie doch arg abzuschrecken.

Neben einigen anderen Aufführungsorten, kristallisierte sich die Kulturkascheme Zum Goldenen Hahn am Heinrichplatz als unsere Kreuzberger Kasperletheater Residenz heraus. Von grandiosen textlich und choreografisch ausgearbeiteten Darbietungen bis zu total Chaotischen Aufführungen, die durch Franks Total Rückfall und auch meinen in den überdrehten Alkoholkonsum, völlig aus dem Ruder liefen. Wie das so ist in Kreuzberg...

Nachdem Frank im Sommer 2018 nach der Reha ins ZIK einzog und sich seine Verfassung immer mehr stabilisierte, vollbrachten wir kurz vor Weihnachten eine erneute Sensation - Das Kreuzberger Kasperletheater im Goldenen Hahn! - Nicht Euer Museum! Tapfer, hoch erfreut und gerührt brachte Frank die Show im wahrsten Sinne des Wortes über die Bühne. Gefeiert und bejubelt vom Publikum. Um es mit Franks Worten zu sagen: Super! Klasse!

Kurz vor Weihnachten 2019 ein Videonachmittag mit Aufführungen von und mit dem Kreuzberger Kasperletheater in der Galerie Heba, in der auch noch einige der letzten Zeichnungen von Frank ausstellt wurden. Dann noch einmal und nunmehr die letzte gemeinsame Aufführung vom Kreuzberger Kasperletheater im Goldenen Hahn. Nahezu Prophetisch der Titel: Alles Quatsch Eure Intensivstation.

Nach einer Solidaritäts-und Protest Kunstausstellung in den Räumen der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) erschien auf dem Titelblatt des 'Volle Breitseite' Kalender 2021 eine Collage von 'Drea mit einigen der letzten figürlichen Zeichnungen von Frank. Nun ein letztes Vermächtnis, sowie Mahnung und Erinnerung an die Buchhandlung Kisch & Co, die letztendlich verdrängt und zwangsgeräumt wurde. Im Schaufenster der neu bezogenen Räumlichkeiten stellten die mit Frank befreundeten Buchhändler ihm zu Ehren nach seinem Tode Fotos, Bilder und Bücher von ihm aus.

Bei vielem und in den letzten Jahren ständig aufopferungsvoll dabei: Susanne. Partnerin. Betreuerin. Heldin! Mit gütigem Herz. Bedingungslos, selbst in den anstrengendsten Momenten geduldig an Franks Seite. Einfach für Frank da! Bewundernswert. Vorbildlich ohnehin. Wenn Du, Susanne, mal einige Zeit bei Deiner Mutter zu Besuch und zu ihrer Hilfe oder anderweitig verhindert warst, kümmerten sich Andrea und ich um Frank. Da bemerkten wir umso mehr, wieviel Liebe und Wohlwollen Du Frank gegeben hast. Die Tage, die ich alleine mit Frank war, besonders die mit erhöht Verwirrten Aktionen - stetig Aua Scheisse sagend; aus dem Bett heraus, aufs Klo und immer hin und her - forderten mir eine Menge ab. Aber das Vertrauen, das mir Frank schenkte, befriedete alles.

Trotz allem: Susanne, wie hast Du das nur alles geschafft? Ganz lieben herzlichen Dank liebe Susanne. Ich bin sehr dankbar all diese Zeiten und Lebenswege mit Frank und Dir gegangen zu sein. Wunderbar! Und schließe mit den Worten von Jean Dubuffet:

Keine Kunst ohne Trunkenheit. Dann aber: göttliche Trunkenheit! Die Vernunft möge verschwinden! Rausch! Das höchste Stadium des Rausches! In den brennenden Wahnsinn getaucht! Viel weiter als je der Alkohol führt! Die Kunst ist die leidenschaftlichste Orgie des Menschen.

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FRANK-KIRK EHM-MARKS
28. Januar 1961 — 26. Januar 2022
Nachruf von Erik Steffen

"Du willst schreien / es herausschreien / die Wut die in Dir frisst / die Dämonen die Dir / Angst machen benennen / Loslassen einfach loslassen /“, schreibt Frank-Kirk Ehm- Marks in einem seiner Gedichte. „Schreibe, schreibe, male, male“ war sein Überlebensmotto. Heroin ist keine Spaßdroge, ein Freizeitjunkie war er wohl auch nicht, sondern süchtig bis zum Schluss. Auch wenn es nun Methadon war. Wenige haben ihr eigenes Selbstbetrugsdezernat so offen gelegt wie der Kreuzberger Künstler, der dem Absturz und der Hölle ein Universum an Texten und Bildern abgerungen hat, bis nichts mehr ging, weil er Nahrung und Flüssigkeit verweigerte. Weil er keinen Bock mehr hatte auf ein Leben, das sich auf „Aua. Scheiße. Scheiße!“ sprich Klogang reduziert hatte. In einer Pflegeeinrichtung im Kiez. Die Stifte und das Papier nun sinnlos. Die Generation „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ hat einen ihrer letzten Überlebenden verloren.

Irgendwie klebte Frank schon die Scheiße am Schuh, als er geboren wurde, auch wenn seine Mutter ihn nach dem von ihr verehrten Schauspieler Kirk Douglas benannte. Ein schöner Film ist sein Leben nicht, statt Glam-Faktor eher Arsenikblüte. Der Vater ist Ganove und Säufer, immer auf der Flucht, die Mutter folgt ihm blind. Von Staaken aus West-Berlin sind sie nach Bad Kreuznach geflüchtet, wo Frank geboren wird. Frank, drei Monate alt, wird zurückgelassen bei den Großeltern, die aus Verantwortung und Scham funktionieren. Die Eltern gehen in die DDR, Merseburg, kurz vor Mauerbau. Wieder ist der Vater im Fadenkreuz der Justiz gewesen.

Was sie dort treiben, egal. Asozial sagt der Stiefopa von Frank. Seine vielköpfige Familie lernt er erst nach der Wende kennen, Knasterfahrung haben einige. Frank wächst also in der beschaulichen Gartenstadt Spandau auf. Der Stiefopa, Altkommunist und SEW-Funktionär, ist mit der Erziehung des Jungen ziemlich überfordert. Kontert alles, was der kleine Junge falsch macht, mit preußischer Härte. Eine Herz-OP macht alles noch schwieriger. Nach den langen Klinikaufenthalten ist das Kind hospitalisiert und entwicklungsverzögert. In der Schule kommt Frank nicht klar. Mit 16 ist Schluss, kein Abschluss, keine Ausbildung. er taucht ohne die Kulturtechniken Lesen und Schreiben richtig zu beherrschen, ab in die Drogen- und Stricherszene am Bahnhof Zoo. Ist obdachlos, süchtig, kaputt. Hoffnungslos. Aber mit Zähigkeit und einem schwarzen Humor ausgestattet, der ihn am Leben hält, irgendwie in diesem scheinbar bodenlosen Fall. Als der Drogenreport von Christiane F. Anfang der achtziger Jahre fürs Kino aufbereitet wird, bleibt ihm als Komparse nur eine Kleinrolle. Aber er hat fast alle überlebt. Und spielt sich selbst.

Frank taumelt durch das alte West-Berlin, bis er im Herbst 1979 Susanne kennenlernt. Nicht alles wird nun besser, aber vieles anders, zeitweise. Mehr als 40 Jahre bleiben sie verbunden, zwischen Himmel und Hölle. Eigentlich hatte sich die Jurastudentin in der berühmt-berüchtigten Kreuzberger Kifferkneipe Jodelkeller einen anderen Traumprinz erwählt, der aber abhanden gekommen war. Da steht nun Frank, mit verwegenem Grinsen und leeren Taschen, auf der Suche nach einem Pennplatz und vielleicht mehr. Praktisch, dass sie gleich um die Ecke auf der Oranienstraße eine kleine Wohnung hat, ein großes Herz und ausgeprägte Nehmerqualitäten sowieso. Dass der neue Freund auch lebenslanger, kräftezehrender Mandant werden würde, kann sie nicht wissen. Gesellschaftliche Probleme wie Klassismus, Sucht und Ausgrenzung sind ihr Interessengebiet, Susanne ist entschieden links. Und wird es auch als Anwältin von Randexistenzen bleiben. Wohnen tun beide im sogenannten Irrenhaus, wo es häufiger brennt, die Beziehungsprobleme mit der Axt oder der Polizei geklärt werden und Drogen aller Art verfügbar sind. Eine Umsetzwohnung nimmt den Druck raus.

So schön das kleine Heim ist, Frank zieht es immer wieder raus. Draußen werden Häuser besetzt, Punks und Trebekids wie er sind nun in selbstbestimmten Zusammenhängen unterwegs, bis sie die verhasste Polizei räumt. In der Adalbertstraße 6 ist er Erstbesetzer mit Politaktivisten, schreibt Texte für Flugblätter, nimmt weiter Drogen und lernt viele ähnlich Verpeilte kennen. Susanne bringt seine Lesefähigkeit nach vorne, sie lesen gemeinsam „Todestrieb“ von dem französischen Gewaltverbrecher Mesrine, dem Staatsfeind Nummer 1 in Frankreich. Für Verbrecher zeigt Frank lebenslang eine große, für viele unverständliche Sympathie, auch wenn er selbst nur der Klein- und Beschaffungskriminalität verhaftet bleibt. Welche Rolle er in den militanten Kämpfen der der Hausbesetzerbewegung spielt, bleibt verschwommen oder Teil einer persönlichen Legendenbildung.

Aber er entdeckt die Welt der Bücher und der Kunst, natürlich aus der Perspektive eines Outsiders. Findet seine Fixpunkte an den Rändern des Bildungskanons: Charles Manson, Louis-Ferdinand Céline, Francois Villon, Eduard Limonow und natürlich Charles Bukowski, gibt seinem Leben eine neue Richtung, kalter Entzug. Jetzt ringt er um Worte und Bildmotive, nüchtern wie nie, hat eine Bestimmung: Die Zeit nicht mehr totzuschlagen, es ist genug Zeit verloren. Er malt und zeichnet im Stil der Art brut, seine Texte stehen den Bildern nicht nach. Verstörend, krass, poetisch, auch wenn der Brodem der Verzweiflung sehr spürbar ist: „Sätze wie Fremde“ heißt eine seiner Textsammlungen im Selbstverlag. „Zwischenfall“ ein Text: „Gedichte ohne Überschrift / rufen mir nach: / Bleib stehen! / Ich habe keine Heimat / Keinen Gott / Zeige denen da den Finger / Bin auf Sucht.“ Social Beat nennt sich diese emanzipatorische Literaturbewegung, die das Leben jenseits von Komfortzonen zeigen will. Susanne ist an seiner Seite, freut sich über die ersten Gehversuche, sieht das Potenzial und sein Aufblühen, auch wenn die ästhetischen Motivspender seiner selbstzerstörerischen Vergangenheit geschuldet sind. Todessehnsucht ist nicht nett, schon gar nicht in einer Liebesbeziehung. Aber sie kann ja nicht immer um Frank als Helikopter rumkreisen, sie arbeitet viel. Gemeinsam entdecken sie die Kunst von den Schlumpern, Musik von Station 17 und Klaus Beyer, der sehr eigenwillig die Songs der Beatles auf Deutsch übersetzt hat. Grenzgänger alle. Zusammen führen ein Leben, das sie trägt. Bis Frank wieder draufkommt, wieder abstürzt. Jahre vergehen, wo sie nicht weiß, in welchem Zustand sie ihn findet, wenn sie von der Arbeit kommt. Diesmal Entzug mit Methadon, er reißt sich zusammen für mehr als ein Jahrzehnt.

Mit den Büchern „Das Glück auf der Hollywood-Schaukel“ im Maro-Verlag und „Eintöniges Leben in schmucklosem Raum“ im Karin Kramer Verlag wird er einem größeren Publikum bekannt. Er lebt nun von Kaffee und Zigaretten. Auch seine Künstlerkarriere nimmt Fahrt auf, sein Mentor Klaus Theuerkauf von endart verschafft ihm Kontakte und Ausstellungen, der Kreuzberger Literaturveranstalter text flex Lesungen und Veröffentlichungsmöglichkeiten. Die Nullerjahre sind eine gute Zeit für Susanne und ihn. Er liest mit den Undergroundikonen Harry Hass, Johannes Jansen, Hadayatullah Hübsch und Florian Günther. Hat seinen Suchtdruck im Griff. In der Mongo-Bar, einem kurzlebigen Souterrainclub in Kreuzberg, ist er Anfang 2000 der einzig Nüchterne hinterm Tresen und im Raum. Bei den Pogues sitzen beide auf einem London-Trip backstage, treffen den charismatischen Berufsverbrecher Mad Frankie Fraser, haben Kontakt zu Franks Idolen Bruno S., Schauspieler, und Blalla W. Hallmann. Frank kann mit viele Menschen kommunizieren. Ob in der Gosse oder in der Galerie. Seine Ausstellungen sind oft ausverkauft.

Danach geht es bergab. Mit Karacho. Es fängt mit dem Verkauf von Hasch an Tresenleute an, free drinks im Gegenzug, Zigaretten, die er an seinen Beinen ausdrückt, um sich abzustrafen. Wieder drauf, von Alk bis zu Heroin ein kleiner Schritt! Sein Mentor Klaus sieht 2010 Franks Ausstellung im Weltkulturerbe Goldener Hahn leergefegt, seine Bilderrahmen gleich mit. Frank hat alles zu Sonderpreisen verscherbelt, um sich am Kottbusser Tor mit Heroin einzudecken. Schreiben tut er immer weniger, die Bildproduktion lässt sich leichter verkaufen für den schnellen Schuss. Auch wenn er seine Leinentasche mit seinem Werk häufig verliert. Kreuzberger Kasperletheater, das bleibt seine Welt! Matt Grau, sein Freund, hat es angeleiert. Zu zweit werden sie Kult, mit alten Puppen und neuen Inhalten, je nach Rauschzustand choreographiert oder desolat, bespielen sie Galerien, Kneipen und Festivals. Gentrifuck ist das Programm, mit Klobürsten prügeln sie auf Tannenzäpfle-Bier, den Polizisten und den Rest der verachteten Weltveränderung in Kreuzberg und anderswo ein. Entsetzte Mittelschicht-Eltern ziehen ihre Kinder weg, der Rest lacht und applaudiert. Susanne schmeißt ihn raus, nachdem er eine Beziehung mit der Kellnerin seiner Lieblingskneipe eingeht. Aber sie nähern sich wieder an.

Auf einem Wochenendbesuch 2017 eine Gehirnblutung, sie wird nun seine Betreuerin. Er verliert die Sprech- und Lesefähigkeit, sein Kurzzeitgedächtnis, die Mobilität. Kämpft sich mühsam zurück. Sie gibt nicht auf, freut sich über jede kleine Verbesserung. Aber er bleibt Fall, epileptische Anfälle, Ausfälle seines Körpersystems. Auf Logopädie und andere Therapien kann Frank am Ende nur kotzen. Susanne verhindert ein Armenbegräbnis. Viele finden den Weg dorthin, erschüttert, nicht überrascht.

ÜBER DEN AUTOR: Erik Steffen, Jahrgang 1963, lebt seit 1986 in Berlin-Kreuzberg. Nach dem Studium der Germanistik, Publizistik und Soziologie arbeitet er als Lektor, Herausgeber, Publizist und Literaturveranstalter unter dem Label „text flex“. Seit Jahren Mitveranstalter der „Langen Buchnacht“ auf der Oranienstraße. Letzte Publikationen „Stationen sonstiger Augenbliche. Kreuzberg-Fotografien von Ludwig Menkhoff“ (Verlag M, Berlin 2011) und „Vom Goldenen Hahn zum Heiligen Berg Athos. Text- und Bildwanderungen von Bernd Kramer“ (Karin Kramer Verlag, Berlin 2012).
https://www.lovelybooks.de/autor/Erik-Steffen/

Siehe auch Der Tagesspiegel, Berlin am 19. Mai 2022

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